Leben & Alltag

Eine gute Frau ist gekommen

Nasrin und Annett bilden ein Tandem beim Mentoring-Programm SOCIUS für Migrant:innen und Geflüchtete

Nasrin und Annett bilden ein Tandem im Mentoring-Programm SOCIUS der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach. I Foto: Susanne Schmidt-Lüer
Nasrin und Annett bilden ein Tandem im Mentoring-Programm SOCIUS der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach. I Foto: Susanne Schmidt-Lüer

Eigentlich hat Nasrin zwei Wünsche: Sie möchte Arbeit finden und besser Deutsch lernen. Die Iranerin floh vor sechs Jahren vor dem Mullah-Regime nach Deutschland. In einer Frankfurter Kita fand sie eine Teilzeitarbeit als Küchenhilfe. Doch der Vertrag nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz lief Ende 2023 aus, seitdem ist sie auf der Suche nach einer neuen Arbeit, am liebsten wieder in einer Kita. Zuhause sitzen, das kann sie nicht gut. Auch das Deutschlernen ließ sich nicht so einfach an, erzählt Nasrin. In ihrer Kirchengemeinde zum Beispiel, die sie seit mehreren Jahren besucht, bestand der Kontakt lediglich aus einem „Guten Morgen“. Dabei hätte die 57-Jährige so gerne mit einer anderen Frau Kontakt gehabt und Deutsch gesprochen.

Küchenhelferin in der Kita

Im März 2023 änderte sich das. Seitdem ist Nasrin Mentee im Mentoring-Programm SOCIUS. Einmal in der Woche trifft sie sich für rund drei Stunden mit ihrer Mentorin Annett. So wie heute. Die beiden Frauen sitzen in der Stadtbücherei im Höchster BiKuZ. Rechts und links spielen Jugendliche Karten, machen ihre Hausaufgaben. Nasrin und ihre Mentorin Annett lächeln sich an. Im Moment arbeiten sie mit vereinten Kräften daran, eine neue Arbeit für Nasrin zu finden, erneut als Küchenhilfe in einer Kindertagesstätte. Annett unterstützt ihre Mentee beim Bewerbungen schreiben und bereitet mit ihr Vorstellungsgespräche vor. „Nasrin ist eine gute Köchin“, sagt Annett. Eine Arbeit zu haben ist existentiell wichtig, denn Nasrins Aufenthaltsstatus ist nur noch bis Ende 2024 gesichert. Um anschließend eine Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, müsste sie ihr Deutsch stark verbessern oder eine unbefristete Arbeit finden.

Ich suchte immer jemanden, der mit mir Deutsch spricht

„Gott sei Dank habe ich Annett kennengelernt“, sagt Nasrin. Eine Mitarbeiterin einer evangelischen Beratungsstelle hatte ihr vom Mentoring-Programm SOCIUS für Migrant:innen und Geflüchtete der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach erzählt. „Davor hatte ich vier Jahre gewartet, ich habe immer jemanden gesucht, mit dem ich Deutsch sprechen kann, aber ich habe niemanden gefunden“, sagt Nasrin. Und sie fügt hinzu: „Jetzt mit SOCIUS, ist eine gute Frau gekommen.“

SOCIUS führt Mentor:innen und Mentees zusammen

Annett hört aufmerksam zu und lächelt. Auch sie war auf der Suche – nach einem Ehrenamt. „Via Instagram bin ich auf SOCIUS gestoßen“, sagt sie. „Das Programm ist sehr gut strukturiert und erfordert nicht zu viel Zeitaufwand.“ Auch die gute Qualifizierung der Mentor:innen, die in verschiedenen Modulen über zwölf Monate erfolgte, hat Annett in ihrem Engagement bestärkt: „Wir hatten sehr gute Referent:innen und konnten immer Fragen stellen. SOCIUS-Mitarbeiterin Sina Tamar Arndt vermittelt im Anschluss an die Qualifizierung Mentees und Mentor:innen: „Es muss zusammenpassen, das ist wichtig.“ Die Ausbildungsgruppe trifft sich weiterhin und reflektiert in regelmäßigen Supervisionssitzungen Fragen, die sich in der Praxis mit den Mentees ergeben: „Die Supervision ist toll und es ist sehr schön, von den anderen Tandems zu hören“, sagt Annett.

Sie lässt sich nicht unterkriegen

Annett und Nasrin, das SOCIUS-Tandem, spricht während der Treffen Deutsch. Mal meldet sich Annett mit ungeklärten Fragen beim Energielieferanten Süwag, mal beim Jobcenter – das Telefon ist laut gestellt, damit Nasrin mithören kann. Sie ist froh über die Unterstützung: „Am Telefon ist es schwer für mich, alles gut zu verstehen, und manchmal weiß ich nicht, welches Wort ich jetzt nutzen soll“, sagt Nasrin. Annett hilft nicht nur bei Papieren und im Gespräch mit Behörden. Sie ermutigt Nasrin auch, ihren Weg weiterzugehen: „Sie hat so viel alleine geschafft, sie lässt sich nicht unterkriegen.“

Meine Arbeit im Iran war Gesichts-Yoga

Inzwischen geht Nasrin in die Freie evangelische Gemeinde Frankfurt am Oeder Weg. Dort besucht sie donnerstags die persische Bibelgruppe, isst an manchen Tagen zu Mittag, nimmt an Ausflügen teil und immer freitags geht sie zum Sprachcafé. Aber im Moment fühlt sie sich „hin- und hergerissen“ zwischen besser Deutsch lernen und einen Job suchen, erzählt die Mutter zweier erwachsener Söhne. Wieder Arbeit zu finden, nach zwei Jahren als Küchenhilfe, ist ihr wichtig. Dann überzieht ein Lächeln ihr Gesicht: „Meine Arbeit im Iran war Gesichts-Yoga. In Deutschland ist die Sprache sehr wichtig, daher arbeite ich als Küchenhelferin.“ Aber Muskeln und Nerven zu behandeln und Gesichtsmassagen zu geben, das ist ihr eigentliches Metier.

Späße machen vieles leichter

Annett, der die persische Kultur vertraut ist, achtet bei den Treffen immer darauf, „dass die Stimmung lustig ist, wir machen Späße, auch mit der persischen Sprache. Dann fällt Vieles leichter.“ Nasrin lächelt. Für heute hat sie ein Stück weit aufgetankt und, ganz nebenbei, ihre Sprachkenntnisse verbessert.

Das Mentoring-Programm SOCIUS der Evangelischen Kirche in Frankfurt und Offenbach

Menschen zusammenzubringen, sie bei Behördengängen zu begleiten, nach Berufs- und Ausbildungschancen zu suchen, also Zugänge zum Leben in Deutschland zu eröffnen – das ist das Ziel des Mentoring-Programmes SOCIUS für Migrant:innen und Geflüchtete. Der Fachdienst wurde 2012 gegründet. Er wird aus Kirchensteuermitteln finanziert und über Landesmittel refinanziert. Seit der Gründung gab es mehr als 200 Tandems. Zurzeit engagieren sich rund 100 Mentor:innen bei SOCIUS. Das Programm wird von der Share Value Stiftung und der Naspa-Stiftung gefördert.

Der nächste Ausbildungsjahrgang startet 2025.

Kontakt für Interessierte:
Petra Buschkämper, Teamassistentin, Evangelisches Zentrum für Beratung Am Weißen Stein, Telefon: 069 53 02-225 und E-Mail: ehrenamt.flucht@frankfurt-evangelisch.de

Mentoring-Programm SOCIUS


Schlagwörter

Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Mitglied der Stabsstelle Kommunikation, Marketing und Fundraising des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin, vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.