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Osteuropäische Roma: Das Elend ist in Deutschland weniger groß

In Frankfurt leben sie unter erbärmlichen Bedingungen, aber zuhause wäre es noch schlimmer: Osteuropäische Roma haben im vereinten Europa fast keine Möglichkeit, Arbeit zu finden. Und damit auch keine Chance auf ein menschenwürdiges Leben.

Das Ehepaar Cornel aus Alba Iulia in Siebenbürgen. Seit sechs Jahren pendeln die beiden zwischen Rumänien und Deutschland, doch Arbeit finden sie weder hier noch dort. Foto: Rolf Oeser
Das Ehepaar Cornel aus Alba Iulia in Siebenbürgen. Seit sechs Jahren pendeln die beiden zwischen Rumänien und Deutschland, doch Arbeit finden sie weder hier noch dort. Foto: Rolf Oeser

Hinter dem Zaun des ehemaligen Industriegeländes an der Gutleutstraße beginnt die Siedlung: An den Rändern ducken sich zusammengezimmerte Hütten, in einer Ecke stapeln sich Müllsäcke. Es gibt kein Wasser, und Strom fließt nur dann, wenn der Generator läuft. (Aktualisierung: Inzwischen ist die Siedlung von der Stadt Frankfurt geräumt worden).

Biris Cornel hakt eine Kette auf und schlägt die karrierte Picknickdecke hinter der dünnen Holztür zur Seite. Die Gasflamme des Campingkochers sorgt an diesem Wintermorgen für Wärme in der fensterlosen Hütte, in der der 48-jährige Rumäne zusammen mit seiner Frau wohnt. Draußen ist gerade ein Wagen des Diakoniezentrums Weser5 vorgefahren. Die Sozialarbeiter kommen regelmäßig auf die Industriebrache. 14 Menschen leben hier zurzeit, das sind weniger als sonst, denn zu Weihnachten sind viele heimgefahren nach Alba Iulia. Von dort, dem ehemaligen Karlsburg in Siebenbürgen, kommen viele, die hier auf der Gutleutbrache leben, die meisten sogar aus derselben Straße.

Fast 1500 Kilometer entfernt ist die Heimat. Die Busfahrkarte kostet 100 Euro die einfache Strecke, zu teuer für ihn, sagt Cornel und zieht ein paar Münzen sowie einen kleinen Geldschein aus der Hosentasche. Das ist alles, was er hat. Benzin für den Generator muss er davon bezahlen, Wasser und Essen, Miete für die Dixi-Toilette.

Viele der Menschen auf der Frankfurter Industriebrache sind Roma. Zur Zeit des Kommunismus arbeiteten sie in Fabriken und in der Landwirtschaft, heute herrscht unter rumänischen Roma eine hohe Arbeitslosigkeit. „Ich bin Kfz-Mechaniker, meine Frau hat in einer Textilfabrik gearbeitet“, erzählt Cornel. Doch schon vor einigen Jahren haben die Eltern von sieben Kindern ihre Arbeit verloren. „Die ganze Industrie ist kaputt, und als über 40-Jähriger ist es schwer, Arbeit zu finden“, übersetzt eine Mitarbeiterin der „multinationalen Informations- und Anlaufstelle für EU-Bürger/-innen“. Drei Kinder der Familie arbeiten in Rumänien, die anderen gehen noch zur Schule.

Baracken auf der Gutleutbrache: Arbeitssuchende aus Osteuropa haben in Deutschland keinen Anspruch auf soziale Hilfen. Foto: Rolf Oeser

„Als EU-Bürger dürfen Rumänen sich hier aufhalten und arbeiten, haben aber keinen Anspruch auf Sozialleistungen“ erläutert Jürgen Mühlfeld vom Diakoniezentrum Weser5. Die Stadt Frankfurt bietet ihnen die B-Ebene der Hauptwache zum Übernachten an und duldet es, dass sie Einrichtungen der Wohnsitzlosenhilfe nutzen. „Auf dem Arbeitsmarkt wird die Situation dieser Menschen ausgenutzt“, kritisiert Mühlfeld, „sie kennen ihre Rechte nicht und arbeiten, wenn sie etwas finden, meist für sehr wenig Geld.“

Der Förderverein Roma schätzt, dass in Frankfurt im Jahr 2016 mindestens 300 bis 400 Roma unter menschenunwürdigen Bedingungen lebten. Warum sie das tun? „Sogar dieses Elend hier reicht an das Elend zuhause nicht heran“, sagt Joachim Brenner vom Förderverein. In Rumänien und Bulgarien würden Roma systematisch benachteiligt. Hass, Rassismus und Pogrome nähmen zu.

In Frankfurt können sie sich wenigstens über Wasser halten, etwa indem sie Flaschen und Pfanddosen sammeln, im Sperrmüll nach Brauchbarem schauen, das sie dann auf Flohmärkten verkaufen, oder Straßenmusik machen. Wenn es gut läuft, verdienen sie so zwischen 300 und 400 Euro im Monat, das Dreifache von dem, was in Rumänien möglich wäre. Manche finden Jobs als Putzfrau, als Müllmann oder Erntehelfer, andere arbeiten schwarz. Mit dem verdienten Geld unterstützen sie dann ihre Familien in Rumänien.

Auch in Frankfurt hat es allerdings schon rassistische Übergriffe gegeben: Im Herbst brannte in Fechenheim ein von Roma bewohntes Haus, später zündeten Unbekannte ein Matratzenlager unter der Rosa-Luxemburg-Brücke an.

Auf der Brache an der Gutleutstraße ist es inzwischen noch kälter geworden. Biris Cornel hat zwei Gasflammen angezündet, seine Frau hustet. Für den Fotografen wirft er draußen noch den Stromgenerator an, eine Glühbirne erhellt den trüben Tag. Was er sich vor allem wünscht? Eine Wohnung, damit er eine Postadresse hat. Für viele Arbeitgeber ist das die Voraussetzung für einen Job: „Alle hier wollen arbeiten.“


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Autorin

Susanne Schmidt-Lüer ist Mitglied der Stabsstelle Kommunikation, Marketing und Fundraising des Evangelischen Regionalverbandes Frankfurt und Offenbach. Sie schreibt auch als freie Autorin, vor allem über Sozialpolitik, Kirche, Alter und wirtschaftspolitische Themen.