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Papa hinter Gittern - wie sage ich es dem Kind?

Kinder möchten sich vorstellen können, wie der Vater im Gefängnis lebt. Monika Osberghaus und ihr Mann haben über dieses Thema ein Buch gemacht.

Monika Osbergshaus  I  Foto Klett Kinderbuch
Monika Osbergshaus I Foto Klett Kinderbuch

Monika Osberghaus leitet seit 2009 den Klett Kinderbuchverlag in Leipzig. Sie wuchs in einer pietistischen Familie auf. Mit 17 brach sie die Schule ab, wurde Buchhändlerin, holte das Abitur nach und studierte Germanistik. Sie war elf Jahre lang Kinderliteraturkritikerin bei der FAZ, bevor sie ihren eigenen Verlag gründete. Nun hat sie mit ihrem Mann Thomas Engelhardt „Im Gefängnis. Ein Kinderbuch über das Leben hinter Gittern.“ geschrieben (Klett Kinderbuch, 96 Seiten, gebunden, 14 Euro).

Wie viele Kinder haben ein Elternteil im Gefängnis?

Nach einer – allerdings schon etwas älteren - Studie sind es in Deutschland rund 100.000 Kinder und Jugendliche. Meist sitzt der Vater hinter Gittern. Man kann jedem männlichen Gefangenen zwei Kinder zurechnen, für die das Thema aus persönlichen Gründen interessant ist, also auch Neffen und Nichten oder jüngere Geschwister.

Wie haben Ihr Mann und Sie für das Buch recherchiert?

Die Gefängnispsychologin Susanne Jacob hat uns in die Uelzener JVA eingeladen und uns dort buchstäblich sämtliche Türen geöffnet. Durch ihre Kontakte hat sie uns auch einige andere Gefängnisse zugänglich gemacht und uns mit Anstaltsleitern zusammengebracht. Insgesamt waren wir sechsmal in verschiedenen Gefängnissen, zweimal davon zusammen mit der Illustratorin Susann Hesselbarth. Wir haben auch Bücher gelesen und mit Fachleuten gesprochen, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Warum haben Sie die Illustratorin mitgenommen?

Wir durften im Gefängnis keine Fotos machen. Also hat Susann Hesselbarth ihren Skizzenblock vollgezeichnet. Wichtig war auch für sie, die Atmosphäre zu erleben, den Leuten in die Gesichter zu schauen, Geräusche zu hören und das Geführ, eingeschlossen zu sein, am eigenen Körper zu spüren, um auch das in den Bildern ausdrücken zu können.

Wie ist das Gefühl?

Beklemmend. Man möchte am liebsten sofort wieder raus! Für die Gefangenen, die ,einfahren', ist es noch schlimmer, da sie erst einmal alles Persönliche ablegen und abgeben müssen. Es ist wohl so, als gebe man sein Leben ab, jedenfalls weitgehend. Ich habe unwillkürlich überall nach Möglichkeiten Ausschau gehalten, noch etwas Individualität zu erhalten. Wir haben immer aufgeatmet, wenn wir nach einem Tag oder auch nur nach einigen Stunden wieder rauskamen.

Wohin durften Sie nicht gehen?

Wir durften überall reinschauen, wofür wir uns interessierten. Sogar in einzelne Hafträume – wo die Kinder der Gefangenen niemals hin dürfen. Sie kennen höchstens den Gefängniseingang und den Besucherraum. Und so haben sie gar kein Gefühl dafür, wo und wie ihr Papa oder ihre Mama jetzt zuhause sind. Das ist Gift, weil sie so die Abwesenheit des Elternteils nicht richtig verstehen und verorten können. Wir haben also versucht, uns stellvertretend für sie dort umzuschauen und die Fragen an die Gefangenen zu stellen, die Kinder interessieren.

Welche Fragen?

Was man ins Gefängnis mitnehmen darf und was nicht und warum nicht. Wie es in den Hafträumen aussieht. Wie der Tag abläuft. Welche Arbeit es gibt. Ob man Freundschaften schließen kann. Wann man mal ins Freie darf. Und, und, und.

Was haben Sie dazugelernt?

Überrascht hat uns vor allem die Menschlichkeit im Gefängnis, auch bei den Justizvollzugsbeamten. Sie sind sehr um ein gutes soziales Klima bemüht. Wir waren total beeindruckt, wie sie versuchen, auch da noch einen Rest Menschlichkeit aufrecht zu erhalten.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Im Sachbuchteil begleiten wir einen Vater, einen Täter, von seiner Verurteilung ins Gefängnis, bis er wieder freikommt. Die betroffenen Kinder saugen die Details aus seinem Alltag geradezu auf. Der fiktive Teil erzählt von seiner achtjährigen Tochter Sina. Außerdem gibt es sehr berührende Briefe zwischen Tochter und Vater.

Sina schämt sich erst, ihrer besten Freundin zu erzählen, wo ihr Vater ist, tut es dann aber doch. Wie ist das in der Realität?

Fast niemand erzählt die Wahrheit. Viele Mütter ziehen aus ihrem Heimatort weg. Aber auch dann bleibt es sehr schwierig für sie, eine Legende zu erfinden. Und selbst, wenn man noch so sozial kompetent ist und freimütig damit umgehen kann, weiß man nie, wie andere darauf reagieren, und ob man nicht doch von Nachbarn oder in der Schule stigmatisiert wird. Wir haben beschrieben, dass Sinas beste Freundin Emma die Wahrheit erfährt und sie auch nicht weiter erzählt. Das ist natürlich ideal.

Was für Legenden denken sich die Leute aus?

Einem Vierjährigen, dessen Vater bald wieder herauskommen sollte, wurde erzählt, dass sein Papa bei der Polizei arbeitet und all die Dienstwagen repariert, die vor dem Gefängnis stehen. Der Junge war superstolz auf seinen Vater. Ich fand das fast zum Heulen. Was, wenn er später mal die Wahrheit erfährt? Viele denken sich aus, dass der Vater auf See ist, krank ist, einen wichtigen Einsatz im Ausland hat, irgendetwas, damit die Kinder stolz sein können. Das Beste ist eigentlich immer Offenheit, aber die hat Konsequenzen, da muss man stark sein. Man kann gut verstehen, dass das nicht jeder schafft.

Im Nachwort steht, Sinas Geschichte verlaufe ein wenig zu ideal. Warum haben Sie sie trotzdem so geschrieben?

Die Geschichte ist nicht unrealistisch. Die Gefängniskarrieren von Vätern, die mit ihrer Familie in gutem Kontakt stehen, verlaufen oft besser aus als die von anderen. Man hört ja so oft, dass kriminelle Karrieren im Gefängnis noch viel schlimmer werden, und leider stimmt das auch viel zu häufig. Aber wenn sich einer im Gefängnis mit seiner Vaterrolle beschäftigt und später draußen Bewährungshilfe in Anspruch nimmt, hat er eine sehr gute Sozialprognose. Die Bewährungshelfer sagen, das sind ihre liebsten Klienten, weil sie sich für ihre Familie, für ihre Kinder anstrengen.

Und so eine Geschichte wollten Sie erzählen?

Ja, weil sie für Kinder besser ist. Es gibt bestimmt viele Kinder, die Schlimmeres mit ihrem Papa im Gefängnis erleben, aber was hat es für einen Sinn, Kindern das zu erzählen? Wir wollten ein bisschen Hoffnung verbreiten, Mut machen. Und ein Buch schreiben, das man gerne liest.

Nach der intensiven Beschäftigung mit dem Thema: Für wie sinnvoll halten Sie Gefängnisse?

Ich stimme Thomas Galli zu, der Anstaltsleiter war, bevor er sein Buch „Die Schwere der Schuld“ geschrieben hat. Er konnte das ganze System nicht mehr vertreten. Für schwere, unverbesserliche Gewalttäter braucht man eine Sicherheitsverwahrung, denn vor ihnen muss man die Gesellschaft wirklich schützen. Aber das sind nur rund fünf Prozent. Und daneben sitzen Leute, die vielleicht nur mehrfach schwarzgefahren sind. Die brauchen das Gefängnis wirklich nicht.

Warum nicht?

Gefängnisse sollen ja nicht strafen sondern resozialisieren, und das geht da total schief. In den meisten Fällen ist das Gefängnis also absolut unnötig und unmenschlich. Es entspricht höchstens dem Strafbedürfnis der Gesellschaft. Wir haben offensichtlich ein sehr starkes Strafbedürfnis, aber wir müssen realisieren, dass die pure Strafe sinnlos ist. Viel wichtiger wäre, die Schuld abzuarbeiten, den Schaden wiedergutzumachen und Wunden zu heilen.


Autorin

Stephanie von Selchow ist Redakteurin von "Evangelisches Frankfurt und Offenbach".